Wiarda wundert sich_34_von Hirschhausen

Shownotes

IST DIE AMERIKANISCHE DEMOKRATIE SCHON ÜBER DEN BERG? Die Demokraten haben bei den Midterms nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern überraschend auch den Senat zurückgewonnen. Selbst in jahrzehntelangen republikanischen Hochburgen konnten sie gewinnen. Ein politisches Erdbeben, sagt Ulrike von Hirschhausen. Aber die Historikerin, die seit gut einem Jahr das Deutsche Historische Institut in Washington leitet, sieht darin noch etwas anderes: einen Beleg dafür, dass die amerikanische Demokratie widerstandsfähiger ist, als viele in Deutschland glauben.

Von Hirschhausen war zuvor Professorin für Europäische Geschichte an der Universität Rostock und erlebte den Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit als Gastwissenschaftlerin an der Harvard University. In einer neuen Folge von „Wiarda wundert sich“ spricht sie mit Jan-Martin Wiarda über die amerikanische Demokratie und die deutsche Sicht auf sie – und darüber, wie sich Hochschulen gegen politischen Druck wappnen können.

Ist die Stärke der amerikanischen Demokratie in Deutschland systematisch unterschätzt worden? Von Hirschhausen kritisiert, die deutsche Berichterstattung habe sich zu sehr auf die „Exzesse des Weißen Hauses“ konzentriert und darüber übersehen, wie gut die Institutionen funktionierten. Selbst der konservativ dominierte Supreme Court habe Trump immer wieder Grenzen gesetzt. Entscheidend sei das in der amerikanischen Gesellschaft tief verwurzelte „Vertrauen in die Institutionen“. Die deutsche NS-Vergangenheit hingegen verleite manche dazu, in den USA vorschnell faschistische Verhältnisse zu erkennen. Die Trump-Regierung sei eine massive Bedrohung für die Demokratie, sagt von Hirschhausen, doch der Faschismusvergleich führe in die Irre.

Auch auf Deutschland selbst blickt die Historikerin aus Washington mit größerem Optimismus. Obwohl sie die Gefahren durch die AfD und die wirtschaftlichen wie geopolitischen Probleme keineswegs kleinreden wolle: „Wenn man auf der anderen Seite des Atlantiks sitzt, dann sieht man die deutsche Situation mit mehr Vertrauen“, sagt von Hirschhausen. Auch die Deutschen könnten ihren demokratischen Institutionen ruhig mehr zutrauen.

Wie sehr sich die amerikanische Wissenschaft auf diese Institutionen verlassen könne, habe sie selbst in Harvard erlebt, sagt von Hirschhausen. Die Trump-Regierung setzte die Universität mit milliardenschweren Mittelkürzungen unter Druck, doch Harvard erstritt Erfolge vor Gericht. Zugleich seien 2025 Zuwendungen in Höhe von rund 1,3 Milliarden Dollar zusammengekommen, darunter private Spenden für den laufenden Betrieb in Rekordhöhe. Gerade das Zusammenspiel aus funktionierenden Gerichten und privaten Geldgebern habe Harvard so widerstandsfähig gemacht, sagt von Hirschhausen. Andere amerikanische Universitäten hätten dem politischen Druck schneller nachgegeben. Allerdings sei die Abgrenzung zwischen notwendiger Selbstkritik und opportunistischer Anpassung, etwa im Umgang mit Antisemitismus und Diversitätsförderung, auch eine „ganz schwierige Frage“.

Und Deutschland? Hier galt die starke Abhängigkeit der Hochschulen von staatlichen Mitteln lange als Garant wissenschaftlicher Unabhängigkeit. Doch von Hirschhausen verweist auf die aktuellen Kürzungen an Berliner Hochschulen und stellt ihnen die Universität Potsdam gegenüber, die dank Hasso Plattners privater Förderung umfangreich investieren könne. Sie würde sich mehr solcher Beispiele wünschen. „Das Geld ist nicht per se gut oder schlecht“, sagt sie. Es komme darauf an, dass die Geldgeber die wissenschaftliche Autonomie respektierten.

Auf die Frage, wie sich deutsche Hochschulen, etwa in Sachsen-Anhalt, gegen mögliche politische Angriffe wappnen könnten, empfiehlt von Hirschhausen, die gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaft stärker sichtbar zu machen. Forschende müssten ihre Expertise viel mehr in öffentliche Debatten einbringen. „Da müssen wir wirklich alle dazulernen“, sagt sie. Ihr Wunsch an die Wissenschaftspolitik: „Mehr Risikobereitschaft und mehr Durchlässigkeit“ zwischen Staat und Gesellschaft sowie zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Warum von Hirschhausen die amerikanische Verbundenheit mit den Gründervätern und der Verfassung beeindruckt, was sie von JD Vances Erklärung der Wahlniederlage hält, was ihr neues Buch über „Frozen Conflicts“ mit dem Iran-Krieg zu tun hat – und was die Geschichtswissenschaft vor Russlands Angriff auf die Ukraine hätte besser machen können: darüber spricht sie ebenfalls in der neuen Folge von „Wiarda wundert sich“.

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